Der lange Weg zum selbstbestimmten Leben

Beraten Menschen mit psychischen, körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen: Friederike Hellinger (34) und Holger Riesebeck (49).
Beraten Menschen mit psychischen, körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen: Friederike Hellinger (34) und Holger Riesebeck (49). Quelle: JANA FRANKE

Grevesmühlen   aus der Ostseezeitung https://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Grevesmuehlen/Beratungsstelle-fuer-Menschen-mit-Behinderungen

Plötzlich war er da, der Tag: Alle Anzeichen hatte Susann (Name von der Redaktion geändert) zuvor ignoriert. Doch an jenem Mittwochmorgen konnte sie nicht mehr aufstehen. Ihr Kopf wollte nicht und mit ihm streikten die Arme und Beine. Sie blieb einfach im Bett liegen, griff gequält zum Handy, um ihrem Chef mitzuteilen, dass sie heute nicht kommen kann. Morgen wird es schon wieder gehen.

Doch es ging nicht. Ein Jahr ist mittlerweile vergangen. Ein Jahr Krankschreibungen. Diagnose: Depressionen. Ob die 47-Jährige je wieder arbeiten kann, vermag sie nicht zu sagen. Ihr fehlt die Kraft, in die Zukunft zu schauen. Berufsunfähigkeitsrente beantragen? Eine Tagesklinik finden? Irgendwie wieder in die Gesellschaft integrieren? Damit ist Susann überfordert. Sie fühlt sich allein gelassen.

Seelische Erkrankungen nehmen zu

Solche Fälle kennen Friederike Hellinger und Holger Riesebeck zur Genüge. In ihrer Arbeit als Berater für Menschen mit psychischen, körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen und ihren Angehörigen wissen sie: Seelische Erkrankungen nehmen zu.

Seit einem Jahr gibt es die EUTB-Beratungsstelle im Bürgerbahnhof. Die vier Buchstaben stehen für „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“. Was kryptisch klingt, bedeutet nichts anderes, als dass das Duo kostenlos Hilfe im Wald der Gesetze und der Möglichkeiten der Unterstützung leistet. Finanziell gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

 

Nur fünf Büros im Landkreis

Bundesweit gibt es etwa 500 Beratungsstellen dieser Art. In Nordwestmecklenburg begrenzt sich allerdings die Anzahl auf fünf. „Auf die Fläche gesehen, ist das leider viel zu wenig“, meint Friedericke Hellinger. Vor allem in Neukloster erhoffen sie sich noch eine weitere Beratungsstelle, da es dort einige Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen gibt. Gemeinsam mit Holger Riesebeck deckt sie zurzeit die Bereiche Grevesmühlen, Bad Kleinen und Wismar ab.

Das Besondere an den beiden Beratern: Sie zitieren nicht nur aus Gesetzesbüchern und Richtlinien – sie sind selbst betroffen. „Menschen mit Behinderungen beraten Menschen mit Behinderungen. Betroffene helfen Betroffenen“, umschreibt Holger Riesebeck, der beim Behindertenverband Grevesmühlen angestellt ist.

 

Betroffene beraten Betroffene

Seit seiner Geburt lebt der 49-Jährige aus Grevesmühlen an einer linksseitigen spastischen Lähmung, die sich auf das Gehen und die Sprache auswirken. Friederike Hellinger, angestellt beim Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg, leidet an einer seltenen Form der Muskeldystrophie, die die 34-Jährige aus Wismar in den Rollstuhl zwingt. Beide wissen, wie schwer der Weg zu irgendwelchen staatlichen Unterstützungen ist.

„Viele geben auf, doch man muss Geduld haben und am Ball bleiben“, weiß sie aus eigener Erfahrung. Stehen zum Beispiel Reparaturen ihres speziellen Autos an, das sie über eine Rampe mit ihrem elektrischen Rollstuhl befahren kann, bedeutet das Anträge, Anträge, Anträge. Überhaupt dieses umgebaute Fahrzeug zu bekommen, war ein abenteuerliches Unterfangen. „

 

Ich musste nachweisen, dass ich es beruflich brauche“, nennt sie nur eine Voraussetzung. Muss es ein Auto sein? Ist es mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxen nicht günstiger für den Staat? Fragen über Fragen von offizieller Seite, die ihre Geduld erforderten.

Alltagsbewältigung. Beantragen des Schwerbehindertenausweises. Selbstbestimmtes Wohnen. Teilhabe am Arbeitsleben. Rehabilitationsmaßnahmen. Das sind nur einige Punkte, in denen Friederike Hellinger und Holger Riesebeck beraten. „Wir hatten zum Beispiel einen jungen Mann, der bei seiner Mutter lebt und dort auch wohnen bleiben möchte. Zweimal in der Woche möchte er aber ohne seine Mutter zum Fußball und zum Schwimmen. Wir bemühen uns nun um einen Fahrdienst oder eine persönliche Assistenz“, schildert Friederike Hellinger.

 

Wichtiger Bestandteil der Gleichberechtigung

 

Wolfgang Griese, Behindertenbeirat Nordwestmecklenburg

Wie wichtig eine solche Beratungsstelle ist, betont Wolfgang Griese, Vorsitzender des Kreisbeirates für Menschen mit Behinderung. „Es ist ein wichtiger Bestandteil der Gleichberechtigung“, resümiert er. Auch er weiß: Mit Widersprüchen auf Ablehnungen reagieren oder Hilfsmittel wie Rollstühle, Stöcke, Rollatoren oder Windeln für Angehörige zu beantragen, ist für manchen eine große Herausforderung. „Eine Hilfe wie die Beratungsstelle ist dann eine große Erleichterung.“

Wolfgang Griese, Behindertenbeirat Nordwestmecklenburg Quelle: MICHAEL PROCHNOW

Hier finden Sie die Berater

Grevesmühlen, Bürgerbahnhof: dienstags 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, mittwochs 10 bis 12 Uhr und donnerstags 10 bis 12 Uhr und 13 bis 15 Uhr

Wismar, Stadtbibliothek im Zeughaus: montags 13 bis 15 Uhr

Bad Kleinen, Bürgerbüro: donnerstags 16 bis 17.30 Uhr

Außerdem nach Vereinbarung: 0173/153 53 93 oder 0152/563 318 81

 

 

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